BESTÄNDE DER TESCHENER BIBLIOTHEK - Die Büchersammlung von Leopold Johann Scherschnik

          Die älteste und wertvollste Büchersammlung, die zur Teschener Bibliothek gehört, ist die Bibliothek des Priesters Leopold Johann Scherschnik (1747-1814), eines gebürtigen Tescheners, der nach seiner Studienzeit in Böhmen, wo er anfing, sich auch auf wissenschaftlichem Feld zu betätigen, 1775 nach Teschen zurückkehrte und dort eine vielseitige Tätigkeit als Pädagoge, Gelehrter, Sammler und Kommunalaktivist begann. Inspiriert durch pädagogische Ideen der Aufklärung, legte er besonderen Wert auf die Frage der Ausstattung des Teschener Gymnasiums mit einem entsprechenden wissenschaftlichen Instrumentarium, das erstrangig aus einer modernen Bibliothek bestehen sollte. Als seine Versuche, die darauf abzielten, staatliche Mittel für dieses Ziel zu gewinnen, scheiterten, faßte er den Entschluß, seine eigene Bibliothek der Öffentlichkeit zu übergeben. Die Anfänge der Bibliothek reichen schon auf seine Studienzeit in Tschechien zurück; er baute sie in Teschen aus und gliederte u.a. die Sammlung seines Vaters und Großvaters in die Sammlung ein. Obwohl die Bibliothek v.a. allen Lehrern und Gymnasialschülern dienen sollte, war die Absicht des Stifters, daß sie allen Interessierten zugänglich sein sollte.
          Die im Jahre 1802 eröffnete Bibliothek Leopold Johann Scherschniks, die bereits kurz nach ihrer Eröffnung das Privileg des Titels "kaiserlich - königlich" erhielt, wurde die erste öffentliche Stelle dieser Art auf dem Gebiet des damaligen Österreichisch-Schlesien. Dank der Vorsorge des Gründers, der sich fast ausschließlich auf eigene finanzielle Mittel stützte, sicherte er der Bibliothek den entsprechenden Sitz und die entsprechende Ausstattung und er garantierte auch ihr weiteres Bestehen durch die Gründung einer Stiftung, deren Bibliothek bis heute existiert. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch trug sie, besucht von Generationen der Teschener, zur kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung der Region bei. In der Bibliothek gibt es heute insgesamt ca. 15 000 Volumina gedruckter Werke (darunter über 11 000 alte Drucke), 39 Inkunabeln und 1 000 Evidenzeinheiten Manuskripte. Die meisten Schriften stammen aus dem 18. Jahrhundert, es gibt aber auch viele Bücher aus dem 17. und 16. Jahrhundert. Eine dominante Stellung - insbesondere unter Werken aus dem 18. und 19. Jahrhundert - nahm die Produktion deutscher Verlage ein, es lassen sich aber auch viele in Frankreich, Italien, in der Schweiz, in Tschechien, Polen und sogar England herausgegebene Werke finden. Ähnlich verhält es sich auch mit der sprachlichen Struktur der Büchersammlung, obwohl in dieser Hinsicht - neben Deutsch - selbstverständlich Latein an der Spitze steht.
          Obgleich die Bibliothek - gemäß ihrer Bestimmung und den damals geltenden Normen - Universalcharakter hatte und Bücher aus allen Wissensbereichen beherbergte, finden sich bestimmte Themenkreise, die entweder in der Quantität überwiegen oder wegen ihres besonderen Wertes oder ihrer Bedeutung, die ihnen seitens Leopold Johann Scherschnik zukam, bemerkenswert sind. Zu der ersten Gruppe gehört Religionsliteratur, die ca. 20% der gesamten Büchersammlung ausmacht. Unter der weltlichen Literatur überwiegt deutlich eine breit verstandene Humanistik, erstrangig mit pädagogischem Schrifttum und historischen Arbeiten, darunter solche, die vorwiegend das Slawentum und Schlesien betreffen - was zweifellos im Zusammenhang mit den Interessen und dem Beruf des Bibliotheksgründers steht. Seine Vorlieben zeigt auch eine umfangreiche bibliographische Abteilung, die die Literatur zur Bücherkunde umfaßt, welche beim Sammeln seltener und wertvoller Werke hilfreich ist. Leopold Johann Scherschnik legte nämlich - da er ein leidenschaftlicher und gediegener Bibliophiler war - einen besonderen Wert auf die Zimelliensammlung.
          Es ist schwer, an dieser Stelle alle "weißen Raben" zu nennen, die von Leopold Johann Scherschnik gesammelt wurden. Es sollte jedoch erwähnt werden, daß sich unter handschriftlichen Kodexen u.a. die folgenden befinden: Libri Decretorum aus dem 13. Jahrhundert; die sog. Teschener Propheten - die historische Übersetzung der Prophetenbücher und des Neuen Testaments aus den Jahren 1419-1439 (eines der wichtigsten Denkmäler des Alttschechischen); ein Miniaturgebetsbuch auf Pergament aus dem 15. Jahrhundert, geschmückt mit fünf hochwertigen Buchmalereien, das - gemäß der Überlieferung letzten Piastenkönigin von Teschen, Elisabeth Lukretia gehört haben soll; ein Marien-Graduale (Gradua³ Maryjny) aus der Wende des 15. und 16. Jahrhunderts, der u.a. die Notenhandschrift der Gottesgebärerin (Bogurodzica, die als die erste polnische Nationalhymne gilt) beinhaltet; außerdem De Architectura libri decem von Vitruvius aus dem 15. -16. Jahrhundert. Unter den Drucken sind besonders nennenswert: Etymologiae von Isidor aus Sewilla (Augsburg 1472), Quaestiones de duodecim Quodlibet von Thomas von Aquin (Nürnberg 1474), die deutschsprachige Ausgabe von Gesta Romanorum (Augsburg 1489), Lexicon Graeco - Latinum von Joannes Crastonius (Venedig, A. Manutius, 1497); De genealogia deorum von Giovanni Boccaccio (Venedig 1511), Vier Bücher der Ritterschaft von Renatus Vegetius (Augsburg 1534), Historia animalium von Konrad Gesner (Zürich 1551), viele bekannte Ausgaben der Werke von Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon und Martin Luther, wie auch Geographica von Strabonius (Basel 1539), Geographia universalis von Ptolemäus (Basel 1542), Germania Antiqua von Philipp Clüver (Leiden, L. Elsevier, 1616) sowie Novus Atlas von Wilhelm und Johannes Bleau. Bemerkenswert sind auch Polonika, die zwar nicht so zahlreich sind, jedoch wirkliche Unikate bergen. Darunter befindet sich z.B. eines von zwei erhaltenen Exemplaren des Werkes von Heinrich Bullinger, Krótkie opisanie wiary ¶wiêtej in der Übersetzung und Ausgabe von Maciej Wirzbiêta, wie auch einer der seltensten Teschener Erstdrucke auf Polnisch, Modlitwy z wloskiego przetlumaczone na jenzyk niemiecki a z niemieckiego na ten, który jest w Xion¿enstwie Tiessynskim zwyczayny (Brünn 1788). Auch was die Provenienz der Bücher betrifft, ist die Bibliothek von Leopld Jan Scherschnik äußerst interessant. Es lassen sich dort u.a. Bücher finden, die mit Exlibris und Superexlibris des polnischen Königs Sigmund August, des Abtes Jan Ponêtowski, des Olmützer Bischofs Stanis³aw Paw³owski, des Bischofs von Waradein Johann, Andreas Gryphius, Isaak Casaubon, des britischen Konsuls in Venedig Joseph Smith, des Generalvikars von Ungarn Georg Lambek, Vaclav Petr Dobøenskí aus Dobøenice und der Familien Sternberg, Gonzaga, versehen wurden.
          Den Wert der Büchersammlung von Leopold Johann Scherschnik machen nicht nur einzelne Werke aus. Eine wesentliche Bedeutung hat ebenso die Tatsache, daß diese Büchersammlung ein klassisches und heutzutage schon seltenes Beispiel einer Bibliothek aus dem 18. Jahrhundert darstellt, die nach einem alten Spezialkatalog gegliedert wurde und über eine originelle Innenausstattung verfügt. Diese Ausstattung besteht aus etlichen prächtigen Eichenregalen im klassizistischen Stil.